| Welche Fülle auf den Bäumen! |
| Welch ein Segen auf der Flur! |
| Weich bacchantsches Überschäumen |
| Der verschwendrischen Natur! |
| Lagern kann man jetzt auf Rosen |
| Und, mit Rebenlaub gekrönt, |
| Bei den vollen Bechern kosen, |
| Bis man selbst die Götter höhnt. |
| Aber unter dieser Bläue, |
| Die man nie noch schöner sah, |
| Steht der Mensch, der selten scheue, |
| Stumm und ohne Jubel da: |
| Keiner leert die Wein-Behälter, |
| Deren man doch bald bedarf, |
| Keiner tritt und fegt die Kelter, |
| Keiner macht die Sichel scharf. |
| Scheltet mir sie nicht! Sie haben |
| Stets den Spaten in der Hand, |
| Um die Brüder zu begraben, |
| Die erstickt der Sonnenbrand. |
| Ihre Zahl wird täglich kleiner, |
| Weil die Traube doppelt lebt, |
| Und es bleibt vielleicht nicht einer, |
| Der im Herbst den Becher hebt. |
| Einer doch! Am Meeresstrande |
| Ragt gebietrisch-stolz ein Schloß |
| Hoch herab vom Felsen-Rande, |
| Überm Haupt ein Palmensproß. |
| Hinter diesen steilen Mauern, |
| Die noch nie ein Feind bedroht, |
| Kann man alles überdauern, |
| Alles, auch den schwarzen Tod. |
| Auf dem Turme steht ein Wächter, |
| Dessen Stimme weit erklingt, |
| Auf der Zinne geht ein Fechter, |
| Dessen Pfeil Verderben bringt: |
| Jeden Wandrer weist der Späher |
| Gleich zurück mit lautem Schall, |
| Kommt er dennoch nah und näher, |
| Bringt ihn flugs der Schütz zum Fall. |
| Aber unten thront im Saale |
| Der gefürchtete Baron; |
| Bei dem funkelnden Pokale |
| Spricht er allen Schrecken Hohn. |
| “Laßt sie sterben und verderben, |
| Trifft nur uns kein böser Hauch, |
| Ich ernenne mich zum Erben, |
| Wärs der ganzen Erde auch!“ |
| Sein Gemahl, ihm gegenüber, |
| Wird bei dieser Rede bleich, |
| Auch die Kämmrer blicken trüber, |
| Doch er trinkt und lacht zugleich. |
| “Unser Schloß ist, was vor Zeiten |
| Einst die Arche Noahs war. |
| Ich und du, wir beide schreiten |
| Bald heraus als letztes Paar.“ |
| Sie erhebt die weißen Hände, |
| Doch er schenkt sich wieder ein: |
| “Geht die alte Welt zu Ende, |
| Wird die neue schöner sein. |
| Jedes Mädchen wird dir gleichen, |
| Die du aller Krone bist, |
| Und kein Mann wird mehr erbleichen, |
| Der aus meinem Blute ist!“ |
| Da erschallt ein starkes Dröhnen! |
| Ja, man pocht am Tor mit Kraft, |
| Und, wie könnt es sonst so tönen, |
| Mit dem schwersten Lanzenschaft. |
| “Ist es möglich, daß der Sklave |
| Auf dem Turm so schläfrig wacht? |
| Bringt ihn her, daß seine Strafe |
| Alle andern munter macht!“ |
| In den Augen dunkle Flammen, |
| Springt er auf und schwingt das Schwert. |
| “Nein, ich hau ihn nicht zusammen - |
| Schwört er dann - er ists nicht wert! |
| Selbst soll er vorn Turm sich stürzen, |
| Und vor meinem Angesicht - |
| Ihm die Todesangst zu kürzen, |
| Wär zu viel für diesen Wicht!“ |
| Und er fliegt die steilen Stufen |
| Vor dem Diener noch empor, |
| Der, mit Hast zurückgerufen, |
| Fast den sichren Tritt verlor. |
| Ungewohnt der Schwindelpfade, |
| Klimmt die Schwangere ihm nach. |
| Doch umsonst erfleht sie Gnade, |
| Ihre Stimme ist zu schwach. |
| Aber, eh sie selbst die Platte |
| Halb erreichte, kehrt er um, |
| Und der Blick, der jetzt so matte, |
| Seiner Augen schreckt sie stumm. |
| “Ist das Gräßliche geschehen - |
| Ruft sie wild - so fluch ich dir!“ |
| Still, wir müssen weiter gehen, |
| Denn der schwarze Tod ist hier. |