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Das Thema einer Epoche
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Alle meine Rezensionen ansehen Rezension bezieht sich auf: Die Kindermörderin: Ein Trauerspiel. Dazu die Schlußszene aus der Bearbeitung von Hacks, Peter (Taschenbuch) Heinrich Leopold Wagner, Die Kindermörderin (1776)
Der adelige Leutnant von Gröningseck, der durch seine französischen Redewendungen Eindruck schinden will, führt die leicht zu beeindruckende Bürgersfrau Humbrecht und deren wohlbehütete und unerfahrene Tochter Evchen auf einen Karnevalball aus. Danach lädt er die beiden nichts ahnenden Frauen zu einen Punsch in ein Bordell ein. Dort betäubt er die Mutter Humbrecht und verführt und schwängert Evchen, deren Verzweiflung er nur mit einem nachträglichen Eheversprechen beschwichtigen kann. Evchen ist sich nicht sicher, ob Gröningseck sein Heiratsversprechen halten wird und sie mit der Ehe aus dieser fast auswegslosen Situation befreit, denn der einzige Ausweg ist eine Heirat mit Gröningseck. Zwar sind Gröningsecks Heiratsabsichten wahr, aber die Briefintrige Hasenpoths, der damit die nicht standesgemässe Heirat seines Mitoffiziers Gröningseck mit dem bürgerlichen Evchen verhindern will, die Angst vor dem gewalttätigen Vater und die drohende gesellschaftliche Schande treiben Evchen zur Flucht. Nach der Geburt ist sie mit dem schreienden Säugling völlig überfordert und hat grosse Schuldgefühle wegen des Todes ihrer Mutter. Die schwierigen Zukunftsaussichten und ihre Depression treiben sie schliesslich zur Tötung ihres Kindes. Wagner stellt in seinem Drama vier verschiedene soziale Bereiche dar: den bürgerlichen in der Familie Humbrecht, den adeligen in der militärischen Oberschicht, den religiösen im Magister und die weltliche Gewalt im Fiskal und seinen Fausthämmern. Er zeigt, dass der Kindsmord unter anderem das Resultat eines Standeskonflikts ist. Dem Vater Evchens mit seiner überdurchschnittlich konservativen Standesmoral sind das öffentliche Ansehen und der Geschäftserfolg sehr wichtig. Er hat grosse Angst vor Ächtung oder gar wirtschaftlichem und sozialem Abstieg. Ehrenverlust bedeutet für ihn „Lebensgefahr“. Deshalb hält der Metzgermeister alle Vergnügen von seiner Tochter fern. Aus Angst vor der Reaktion ihres Vaters auf ein uneheliches Kind verheimlicht Evchen ihre Schwangerschaft. Gröningsecks Wandel vom Vergewaltiger zum treuen Verehrer von Evchens Tugend erscheint uns charakterlich etwas unwahrscheinlich, er hat aber damit zu tun, dass die Protagonisten des Sturm und Drangs immer übertrieben dargestellt sind, denn sie sollen sich ganz vom Gefühl, dem Ursprung leiten lassen. Sie fallen von einem ins andere Extrem, wie es das Beispiel Gröningseck zeigt. Hasenpoth verkörpert den „normalen“ Offizier der damaligen Zeit, welche aus dem Adel stammten und einen dementsprechenden Lebensstil pflegten (Karten spielen, amüsieren, Alkohol trinken und duellieren). Wagner verknüpft die Themen sexuelle Verführung und Vergewaltigung, verheimlichte Schwangerschaft und Kindsmord miteinander und beschreibt die gesellschaftlichen und juristischen Folgen für die Frau. Weiter zeigt er die Sinnlosigkeit von veralteten gesellschaftlichen Strukturen. So wird durch das strikte königliche Heiratsverbot, die aufgezwungene und unnatürliche Ehelosigkeit der Offiziere, die zur damaligen Zeit nicht in Kasernen, sondern in bürgerlichen Häusern einquartiert waren, die ständige „Gefahr“ für die Bürgerstöchter offensichtlich, denn die Soldaten sind fast zwangsläufig auf eine andere Bedürfnisbefriedigung (Puff oder eben Verführung oder Vergewaltigung) angewiesen. Wagners Ablehnung der gesellschaftlichen Hierarchien, der bürgerlichen Moralvorstellungen und der sozialen Ungerechtigkeiten sind typisch für die Epoche des Sturm und Drangs. Weiter übt Wagner Kritik an der königlichen Gesetzgebung aus, die die natürlichen Bedürfnisse unterdrückt. Goethe, der sich in seinem Werk „Faust“ mit dem Thema Kindsmord auseinander setzt, beschuldigte Wagner des Gedankendiebstahls. Aber die Thematik des Kindsmords gehörte nicht Goethe, sondern der Zeit und taucht in der Literatur der damaligen Zeit häufig auf. Die Ursachen dafür liegen u.a. in den öffentlichen Hinrichtungen junger Kindermörderinnen. Die Empörung über die grausame und rückständige Rechtssprechung und über die strenge Strafe war besonders unter den jungen Autoren, die oft auch Juristen waren, gross. Sie und mit ihnen auch Wagner versuchten mit ihren Stücken auf die gesellschaftlichen Missstände aufmerksam zu machen und zu moralischen, politischen und juristischen Veränderungen beizutragen. Der Magister vertritt mit seiner liberalen und progressiven Einstellung die Meinung Wagners und fungiert als dessen Sprachrohr. Wagner spricht den Zuschauer auf drei Ebenen an: emotional, intellektuell und politisch. Er fordert eine neue Moral, Verständnis für die Umstände einer Tat und die Zwangslage der weiblichen Täterinnen. Damit erhält die Literatur eine neue Bestimmung: nicht mehr Fürstenlob und Unterhaltung, sondern Einflussnahme auf die öffentliche Meinung. Das Buch hat uns beiden gefallen. Heute hat ein uneheliches Kind für die Mutter nicht mehr dieselben Auswirkungen wie damals. In der heutigen Zeit und im gesellschaftlichen Umfeld sind allein erziehende Mütter und Väter beinahe Normalität. Noch vor vierzig Jahren sah die Situation aber anders aus. Die aussereheliche Schwangerschaft oder die aussereheliche Herkunft eines Menschen waren ein Tabuthema. Hat das Schauspiel sein Ziel erreicht? Hat es zu diesem gesellschaftlichen Wandel beigetragen? Wir meinen, dass Wagner und die anderen Stürmer und Dränger eine Thematik aufgriffen, die nach Änderung rief, und dass er in diesem Sinne durch Aufklärung am Wechsel der Einstellung beteiligt war. So ist heute das Strafmass für „Kindsmord“ (heute vielleicht eher Totschlag) viel milder, da auch die äusseren und psychischen Umstände einer solchen Verzweiflungstat mitberücksichtigt werden. Wagner thematisierte schon im 18. Jahrhundert mehrere Gründe einer solchen Verzweiflungstat, die zum Teil heute noch aktuell sind. Ein Beispiel ist der sog. „Baby Blues“, eine postnatale Depression. Im Unterschied zu damals haben aber die heutigen Mütter die Möglichkeit sich an professionelle Hilfe zu wenden. Auch von Seiten der Familie und der Gesellschaft ist häufig Unterstützung da. Wenn wir allerdings die Verhältnisse auf der ganzen Welt sehen, zeigt sich, dass sich dieser Einstellungswechsel nicht überall durchsetzen konnte. Es gibt leider durchaus noch Gebiete, wo es vor allem wegen der Religion noch anders aussieht. Heute wird „Kindstötung“ v.a. auch im Zusammenhang mit Abtreibung, die zwar nicht von Gesetzes wegen verboten ist, aufgegriffen. Die Meinungen darüber gehen sehr auseinander. Abtreibung wird oft als unmoralisch und unethisch empfunden und zum Teil auch als schwerer Verstoss gegen die Bibel oder andere religiöse Vorschriften angesehen.
Diana Glauser & Seraina Semadeni, Bündner Kantonsschule, Chur
Eine Rezension von Ein Kunde
vom 25. März 2002 | | |
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